Kinderschutz

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Schwerpunkt 2015-2017

ExpertInnenkommission Kindesmisshandlungen / Kinderschutz

Im Rahmen des Kinder- und Jugendbeirats wurde das signifikant gehäufte Vorkommen von schweren Kindesmisshandlungsfällen zwischen 2012 und 2015 in Klagenfurt zum Thema gemacht. Die zuständige politische Referentin Dr.in Beate Prettner initiierte daraufhin eine Untersuchung dieser Misshandlungsfälle und ersuchte die Kinder- Jugendanwaltschaft, mit einer ExpertInnenkommission die 7 Fälle umfassend systematisch zu durchleuchten. Die primäre Erkenntnis zeigt den Kinderschutz als multiprofessionelle Herausforderung und Verantwortung, die einer zentralen Steuerungseinheit bedarf. Aus dieser Empfehlung resultierte die 2017 neu geschaffene Fachstelle für Qualitätsentwicklung im Kärntner Kinderschutz.

Ausgangslage der Untersuchung

Initiiert von behandelnden Ärzten und der Kinderschutzgruppe des Klinikums Klagenfurt befasste sich der Kinder- und Jugendbeirat des Landes 2015 mit sieben schwersten Kindesmisshandlungsfällen, die zwischen 2012 und 2015 aufgetreten waren. In diesen Zeitraum fallen jene Fälle im Raum Klagenfurt Stadt bzw. Land, in denen Kinder im Alter zwischen zwei und acht Monaten Opfer schwerster Misshandlungen wurden, wobei diese für zwei der betroffenen Kinder tödliche Folgen hatten. Alle Fälle fielen in den Zuständigkeitsbereich einer Bezirksverwaltungsbehörde.


Auf Anregung des Kinder- und Jugendbeirats des Landes Kärnten vom 25.03.2015 wurde die Kinder- und Jugendanwaltschaft mit der Aufgabe betraut, eine ExpertInnenkommission zur Aufarbeitung und Untersuchung dieser schweren Kindesmisshandlungsfälle einzusetzen und zu leiten. Als fachliche Unterstützung konnte der international renommierte Experte Prof. Dr. phil. habil. Reinhart Wolff in beratender Funktion gewonnen werden. Die Anlassfälle sollten auf wiederkehrende Muster und Gesetzmäßigkeiten analysiert werden. Ferner wurde die Schnittstellenarbeit (z.B.: Wer hat wen, wann, worüber informiert?) beleuchtet, um Hochrisikofamilien rascher zu erkennen und adäquate Maßnahmen setzen zu können.


Forschungsdesign der Studie

Die Studie orientierte sich am Forschungsansatz der „dialogisch-systemischen Rekonstruktion“ nach Biesel & Wolff, einer zeitintensiven Methode, die neben persönlichen Motiven auch organisations- und gesellschaftsbedingte Einflussfaktoren herausfiltert.


Doppelseitige chronologische Fallrekonstruktionen

Gemäß dem SCIE-Modell nach Fish, Munro, Brainstow wurde versucht, die Bewertung von Kinderschutz von der Individuum-Zentrierung wegzuführen und verstärkt die Betrachtung systemübergreifender Ursachen in den Mittelpunkt zu rücken. Unter dieser Prämisse wurde die chronologische Entwicklung des Fallverlaufes sowohl aus der Perspektive des Familiensystems als auch des Hilfesystems skizziert.


Nach der zweidimensionalen Fallgeschichte wurde zusätzlich auf ein Untersuchungswerkzeug des Kinderschutz-Zentrums Berlin zurückgegriffen, das zur Beurteilung einer etwaigen Kindeswohlgefährdung dient. Dieser mehrseitige Assesmentrahmen beleuchtet die Situation des Kindeswohls aus drei Perspektiven:

1. Kindliche Entwicklungsbedürfnisse (Gesundheit, Identität, soziale Kompetenz etc.)

2. Elterliche Fähigkeiten (Grundversorgung, Sicherheit, Führung und Grenzen etc.)

3. Familiale- und Umgebungsfaktoren (Ressourcen, Unterkunft, Einkommen etc.)


ExpertInneninterviews

Basierend auf den doppelseitigen chronologischen Fallrekonstruktionen fanden reflexive Fallgespräche mit den fallführenden und leitenden SozialarbeiterInnen statt. Parallel dazu wurden Erkenntnisse mittels falllosgelöster ExpertInneninterviews maßgeblicher AkteurInnen des Hilfesystems (primär Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitsbereich) generiert.


Die Rekonstruktion und kritische Würdigung der Prozesse sind notwendig, um anschließend abstrahierend die gewonnenen Erkenntnisse auf eine allgemeine Ebene hinsichtlich der Weiterentwicklungspotenziale im Kinderschutz transferieren zu können. Verkürzt ausgedrückt – aber zu besseren Veranschaulichung – wurde somit in der gegenständlichen Untersuchung die Rückschau auf die Vergangenheit (Fallverläufe) mit einem eindeutig zukunftszugewandten Blick (Weiterentwicklung, Lernergebnisse) vollzogen.


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Erkenntnisse & Empfehlungen


Umfassender Kinderschutz ist eine komplexe Aufgabe und wird immer auch seine Grenzen haben. Eine gänzliche Verhinderung von Kindesmisshandlungsfällen und Kindeswohlgefährdungen wird es nicht geben. Trotzdem und gerade deshalb ist es unerlässlich, das Kinderschutzsystem ständig weiter zu denken und weiter zu entwickeln.


Detaillierte Informationen zum Forschungsdesign sowie den Erkenntnissen und Empfehlungen sind im Abschlussbericht wiedergegeben.


Download bzw. Bestellmöglichkeit

1. Kinderschutz muss als multiprofessionelle Herausforderung und Verantwortung ernst genommen werden.


2. Kinderschutz-effektive Rahmenbedingungen wie auch Handlungs- und Prozessabläufe für ein optimiertes Zusammenspiel aller involvierten Berufsgruppen müssen bestmöglich geschärft, ausgebaut und mit Verbindlichkeit in deren Einhaltung ausgestattet werden.


3. Reflexive Räume des Hinterfragens der Kinderschutzpraxis (konstruktive Fehlerkultur), in denen der leitende Fokus auf Weiterentwicklung liegt, müssen regelmäßig vorgesehen sein. Diese stellen das Kerninstrument eines zentral koordinierten und breit getragenen Prozesses der Qualitätsentwicklung im Kärntner Kinderschutz dar.


4. Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Kinderschutz: Eltern und Familienangehörige sind die wichtigsten KinderschützerInnen. Die breite Öffentlichkeit soll über gezielte, leicht verständliche und griffige Medienarbeit zum Thema Kinderschutz aufgeklärt werden.


Damit Kinderschutz noch besser funktionieren kann, braucht es:
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Chronologie

2015: Beauftragung der ExpertInnenkommission

2015–2017: Empirische Untersuchung von sieben schweren Kindesmisshandlungsfällen

2017: Vorlage des Abschlussberichts, Präsentation der Ergebnisse, Diskussion der Empfehlungen, Meinungsbildung und Strategieentwicklung


Die ExpertInnenkommission

Dr.in Adele Lassenberger, ASA Matthias Liebenwein, MA, Mag.a Astrid Liebhauser, Mag. (FH) Raphael Schmid, Dr. Rudolf Winkler sowie Prof. Dr. Reinhart Wolff (externer Experte)


Unter Mitarbeit von: Mag.a Natascha Karner, Michael Kravanja, Mag.a Julia Peterschitz (PraktikantInnen in der KiJA)


Umgesetzt in einem engen Austausch mit der Abteilung Jugend & Familie des Magistrats der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee