Die Geschichte der UN-Kinderrechtskonvention

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20.11.1989-20.11.2019. 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention

Die Geschichte der UN-Kinderrechtskonvention

Die Kinderrechtskonvention – auf Basis „eines universellen menschenrechtlichen Anspruchs“ von Kindern – gilt mit der Unterzeichnung beinahe aller Mitgliedsstaaten mit Ausnahme der USA als das erfolgreichste auf die Menschenrechte bezogenes Vertragswerk der Vereinten Nationen. Um das erreichen zu können, musste erst die Wahrnehmung von Kindern in der Gesellschaft als „Menschen mit einer unveräußerlichen Würde qua Geburt“ erreicht werden. Dieser Prozess vollzog sich über beinahe ein Jahrhundert.
Die Wahrnehmung von Kindern im geschichtlichen Zeitraffer

Nach Aries „Geschichte der Kindheit“ von 1975 belegt die Darstellung von Kindern als kleine Erwachsene ohne kindliche Eigenschaften in der Kunst der Vormoderne deren geringen Stellenwert in der Gesellschaft. Ferner zeigt de Mause 1977 in seinem Werk „Hört ihr die Kinder weinen“ auf, dass Kinder als „Besitz“ betrachtet wurden, mit dem man beliebig verfahren konnte. Shorter beschreibt in „Sozialgeschichte der Kindheit“ von 1986 den gravierenden Wandel von Mutter-Kind-Beziehungen/Mütterlichkeit der letzten zweihundert Jahre. So war einst der Kindstod ein tagtägliches Schicksal und die Menschen sahen diese Kinder als „vorbestimmte Engel“.


Die Kindheit als autonome Lebensphase war im 19. Jahrhundert nur Kindern aus gutbürgerlichen Kreisen vorbehalten, während der Proletariernachwuchs schonungslos als billige Arbeitskraft ausgenutzt wurde. Daraus resultierten entwicklungsgehemmte und körperlich bereits abgenutzte Kohorten, deren (Arbeits-)Leistungskraft sowie Militärtauglichkeit bald erschöpft war.


Pioniere im Sinne der Kinderrechtskonvention
Eglantyne Jebb und die Genfer Deklaration des Völkerbundes von 1924


Die Engländerin E. Jebb zeigte die Folgen der Nahrungsmittelblockade für Kinder gegen Deutschland und Österreich nach dem 1. Weltkrieg auf. Daraus entwickelte sie ihre friedenspolitische soziale Arbeit, die in der weltweit ersten Deklaration für die Rechte des Kindes mündete, welche sie dem Völkerbund 1924 vorlegte.


Ihrer Ansicht nach war der Staat für deren Umsetzung verantwortlich - „Recht des Kindes auf Schutz“ unter internationaler Aufsicht mit einer friedenspolitischen Perspektive.


Janusz Korczak und die revolutionäre Erkenntnis, dass ein Kind bereits ein Mensch ist


Der polnische Arzt und Schriftsteller wird 1912 Leiter des jüdischen Waisenhauses in Warschau. Während des 1. Weltkrieges als Lazarettarzt formuliert er – unabhängig von Jebb – sein menschenrechtliches Denken über Kinder. Dies veröffentlicht er in Form von Schriften, Berichten aus den Waisenhäusern, Kinderbüchern, Zeitungsbeilagen, Vorlesungen, Radioberichten bis in die 1930er Jahre.


In seinem pädagogischen Hauptwerk fordert er eine „Magna Charta Libertatis“ – ein Grundgesetz mit drei Dimensionen für das Kind:

1. Das Recht des Kindes auf seinen Tod.

2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.

3. Das Recht des Kindes, das zu sein, wie es ist.


Mit dem Recht auf den Tod meint Korczak die Überfürsorge der Eltern und das übermäßige Beobachten der Kinder, die ein Recht auf freies Experimentieren, Erleben, positives Scheitern etc. haben.


Die revolutionäre Erkenntnis ist, dass das Kind nicht erst Mensch wird, sondern bereits Mensch ist und sein Recht dadurch besteht. Er spricht bereits Aspekte an, die heute als „Begegnung auf Augenhöhe“, „Partizipation“ bekannt sind.


Während Jebb den Staat als Verantwortlichen zur Umsetzung von Kinderrechten sieht, verortet Korczak dies in jedem einzelnen Erwachsenen, der mit Kindern zu tun hat (was diesem Selbstreflexion und –kritik abverlangt). Im Gegenzug dazu steht er der Deklaration nicht positiv gegenüber, da er sie als abgehobene Gesetzgebung von Genf begreift. Er sah seine Postulate in keinem internationalen Zusammenhang – vielmehr lebte er sie in der Praxis bis zu seinem freiwilligen Tod mit den Kindern des Waisenhauses, die vom Regime in Gaskammern deportiert wurden. Heute existiert eine internationale Korczak-Gesellschaft (aus 20 Ländern), die sich um das geistige Erbe bemühen.

Menschenrechte als völkerrechtlich bindende Verpflichtungen von Nationalstaaten

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) 1948


Nach dem Grauen des 2. Weltkriegs wurde mit der Gründung der Vereinten Nationen ein neues Zeitalter der Menschenrechte eingeläutet. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte flossen philosophische und politische Überlegungen der letzten Jahrhunderte ein, eine Balance aus Freiheit, Gleichheit und Solidarität mit der „Menschenwürde“ als Prämisse. Trotz Systemunterschiede zwischen West (Schwerpunkt auf Individualrechte), Ost (Fokus auf Sozial- und kollektive Rechte) sowie Kolonialstaaten konnte eine Universalität erreicht werden, die es den Nationalstaaten als Vertragspartner aus unterschiedlichsten kulturellen, religiösen und politischen Regionen möglich machte, normative Ideen für ihre Traditionen abzuleiten.


Die 30 Artikel der AEMR gelten als Fundament und „erste wegweisende Proklamation der Vollversammlung der UN“ worauf sich jedes weitere Menschenrechtsinstrument beziehen kann.


UN-Deklaration der Rechte des Kindes 1959


Da Kinder eine besondere Personengruppe mit speziellen Bedürfnissen darstellen und diese nicht ausreichend mit der AEMR abgedeckt sind, wurden die Rechte des Kindes in einem separaten Dokument vertieft.


Die universelle Definition der Stellung des Kindes in der Gesellschaft ist nicht ohne kontroverse Diskussionen zu bewerkstelligen. Schließlich wird am 20.11.1959 die Deklaration der Rechte des Kindes mit 10 Artikeln veröffentlicht. Dabei weist sie deutliche Fortschritte gegenüber der Genfer Erklärung von 1924 auf: das Kind wird als Einzelperson gesehen, Schutz vor Diskriminierung, Recht auf Spiel etc..


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Unterschied zwischen Deklaration und Konvention:

Die AEMR sowie die Rechte des Kindes von 1959 sind Deklarationen. Das bedeutet, dass sie juristisch nicht verbindlich sind und Rechte lediglich umreisen. Aber sie verfügen über eine gewisse politische und moralische Autorität. Im Gegensatz dazu sind Konventionen umfangreicher formuliert und für unterzeichnende Mitgliedsstaaten verbindlicher, da sie durch eine Ratifizierung in nationales Recht transformiert werden müssen und somit einklagbar sind.

UN-Konvention über die Rechte der Kinder 1989


Zum 20. Jahrestag der Deklaration wurde 1976 das „Internationale Jahr des Kindes“ ausgerufen. Im Zuge dessen stellte Polen 1978 den Antrag auf die Erarbeitung einer Kinderrechtskonvention – mit der Begründung eines „weltweiten Bedarf an umfassender Sorge für die Kinder“ im Hinblick auf ungleiche Lebenslagen in verschiedenen Regionen der Welt. Eine andere Motivation könnte politischer Natur sein, da man so eine Themenführerschaft für die Interessen der Ostblockländer (soziale, kulturelle und wirtschaftliche Rechte vs. politische und persönliche Rechte) sah.


An der offenen Arbeitsgruppe konnten sich alle Mitgliedsländer beteiligen – alternativ auch als Beobachter mitwirken. Die Arbeit an der Konvention begann 1979 und endete mit der Verabschiedung am 20.11.1989.


Im Gegensatz zu den PionierInnen, welche nicht die Absicht hatten, ihre Ideen einem internationalen Diskurs auszusetzen, stellt das Abarbeiten von Kontroversen, das Schließen von Kompromissen unter einem Konsensprinzip eine großartige Leistung der Staaten dar, die den Kindern und Jugendlichen heute ein Leben in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit ermöglichen sollen.


Quelle: Kerber-Ganse, Waltraut (2009). Die Menschenrechte des Kindes. Opladen & Farmington Hills MI: Barbara Budrich Verlag